Tatort vs. Wickeltisch

von brigitte am 18/2/2010

in über mein leben

Der Tatort gehört seit über zehn Jahren zu meinem Sonntagabend, und während es mir schwer fallen würde, mich für einen bevorzugtes Kommissar zu entscheiden (Schenk oder Ballauf? Thiel oder Börne? Batic oder Leitmeyer? Einer der «neuen» Stuttgarter?), habe ich eine langjährige Lieblingskomissarin: Charlotte Lindholm aus Hannover. Ich werde zwar nie verstehen, was Maria Furtwängler an Herbert Burda findet – mir kommt manchmal vor, als könnte der Mann nicht nur ihr Vater sondern sogar ihr Grossvater sein – in ihrer Rolle gefällt sie mir aber sehr.

Und natürlich gefiel mir auch, dass Charlotte Lindholm beinahe gleichzeitig wie ich Mutter wurde. Während sich mein Leben mit der Geburt des Manndlis allerdings naturgemäss stark veränderte und ich lernen musste, meine persönlichen Bedürfnisse denen eines kleinen Wesens unterzuordnen, lief das bei Frau Komissarin komplett anders ab. Sie zeigte ihrem Vorgesetzten bald einmal, dass sie ihren intensiven und zeitraubenden Job trotz Neugeborenem problemlos ausüben konnte und vertraute dabei rücksichtslos grenzenlos auf den Einsatz ihrer Mutter und ihres wohl zeitlebens in sie verliebten Mitbewohners Martin. Während sie also weiterhin souverän Fall für Fall löste, dabei immer mal wieder ihr Leben aufs Spiel setzte und zur Erholung ab und zu eine Nacht im Bett ihres immer durchschlafenden Sohnes verbrachte, schlug sich ihr ergebener Mitbewohner mit Problemen wie Beikosteinführung, Zahnen und Kinderkrankheiten durch. Im letzten Tatort setzte er – eigentlich ein Schriftsteller – seiner Charlotte zuliebe sogar eine lang geplante Leserreise ab. Nicht sehr realitätsnah das alles, aber das hat mich nicht gestört, von einem Tatort möchte ich einfach gut unterhalten werden.

Heute lese ich im Tagi, dass der Schauspieler Ingo Naujoks, der die treue Seele Martin verkörpert, aus dem Tatort aussteigt:

Seinen Abgang aus der Krimi-Reihe begründet Naujoks laut «Bild» so: «Am Ende wurde Martin nur noch aufs Babysitten und Frühstückmachen reduziert, was mir immer weniger gefiel.» Den «Tatort» schätzt der Schauspieler weiterhin; er sei das Schlachtschiff des deutschen Krimis, und man könne stolz sein, dort eine Rolle spielen zu dürfen, sagte Naujoks. «Nur dann sollte es aber bitteschön eine richtige Rolle sein.»

Diese Aussage – ob exakt wiedergegeben oder nicht, schliesslich wird das deutsche Blick-Pendant zitiert – hat mich laut zum Lachen gebracht. Dass das Spielen eines Kinderbetreuers keine «richtige Rolle» sei, sagt doch auch etwas über das Ansehen dieser Funktion in der Gesellschaft aus und kommt mir bedeutend ehrlicher rüber als die stetig wiederkehrenden «Aber es gibt für eine Frau doch nichts schöneres, als zu Hause bei ihren Kindern zu sein»-Belehrungen gewisser SVP-Männer.

Mir wird der treue Martin fehlen, Charlotte Lindholm bestimmt noch viel mehr. Und ich bin gespannt, wie sie ihr Privatleben künftig meistern wird. Für den nächsten Hannover-Tatort tippe ich auf eine Babysitterin, die dank ihres kriminell veranlagten Partners in Charlottes aktuellen Fall verwickelt und so für zusätzliche Spannung sorgen wird. Windeln wickeln sehen werden wir Kommissarin Lindholm wohl auch weiterhin nicht.

{ 1 Kommentar… lies ihn unten oderschreib selbst einen }

1 anna 19/2/2010 um 13:10

ja, es sind diese kleinen, “nicht so gemeinten” Dinge, die immer wieder zeigen, dass wie sehr bestimmte (Frauen-)Rollen tatsächlich “wertgeschätzt” werden in der Gesellschaft… danke fürs aufmerksame Hinschauen.

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